Interview von Sören Rabe (FNP) mit Dekan Rolf Glaser

15. Oktober 2018

 

Die katholische Kirche steht derzeit – mal wieder – in der Kritik. Diesmal geht es um den Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen, Pater Ansgar Wucherpfennig, und seine liberalen Ansichten zum Thema Homosexualität. Der Vatikan will ihn deswegen nicht mehr an der Spitze der Hochschule sehen. Wie steht die Stadtkirche Frankfurt dazu?

 

ROLF GLASER: Wir hatten 2016 unser großes Stadtkirchenforum mit mehreren Themenkreisen und Arbeitsgruppen. Damals ging es auch um „Kirche für alle“. Eine Forderung war unter anderem, dass Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare erlaubt und entwickelt werden sollen. Insofern sind wir an diesem Punkt mit Pater Wucherpfennig absolut d’accord. Er hat uns auf diesem Weg begleitet und wir lassen ihn jetzt auf seinem Weg auch nicht im Stich.

 

Gibt es Strömungen in Rom, die gegen die katholische Stadtkirche Frankfurt arbeiten? Es ist zu hören, dass der ehemalige Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der in Frankfurt ja seine größten Kritiker hatte, hinter dieser Aktion steht.

 

GLASER: Ich blicke bei der internen römischen Kommunikation nicht sehr gut durch. Natürlich entwickeln sich Fantasien, was da alles dahinter stecken könnte. Aber dazu eine verlässliche Aussage zu machen, das wage ich mich nicht.

 

Aber wie kommt die römische Kirche zwei Jahre nach dem Interview, bei dem er seine Ansichten kundgetan hatte, nun dazu, Pater Wucherpfennig abzustrafen?

 

GLASER: In Rom werden fleißig Dossiers angelegt. Erst einmal war es ein Routinevorgang, das nihil obstat, also die Unbedenklichkeitserklärung, anzufordern. Der Bischof von Limburg und der Provinzial der Jesuitenprovinz haben ihr nihil obstat schon gegeben. Dann hat man wohl in Rom das Dossier herausgeholt, in dem die Aussagen des Interviews vor zwei Jahren standen. Ich denke, da wollte man nun nachfassen. So ist diese Sache jetzt aufgeschlagen bei der Neuernennung Wucherpfennigs zum Direktor der Hochschule St. Georgen.

 

Ohne das nihil obstat kann er die Hochschulleitung nicht weiter übernehmen?

 

GLASER: Der Großkanzler der Hochschule kann ihn ohne das nihil obstat nicht ernennen. Es gibt auch Stimmen, der Provinzial oder der Bischof sollten sich hier über Rom hinwegsetzen. Das kann ich mir aber im Moment nicht vorstellen.

 

Heißt das denn für Pater Wucherpfennig, dass sein Lehrauftrag, die missio canonica, auch in Gefahr ist?

 

GLASER: Das glaube und hoffe ich nicht. Es geht ja hier um das hervorgehobene Amt des Hochschulrektors, das strengeren Kriterien unterliegt. Zudem ist das Verfahren noch nicht abgeschlossen. Rom hat dies ja am Mittwoch ausdrücklich betont, was ich ein bisschen als Öffnung verstehe. Ich hoffe, dass das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen ist.

 

Falls es aber seitens Roms bei dieser Entscheidung bleibt, wie sieht die Zukunft von Pater Wucherpfennig aus?

 

GLASER: Er bleibt Professor für das Neue Testament, aber er ist dann natürlich deutlich angeschlagen. Wie ich ihn einschätze, wird er sich davon nicht beeindrucken lassen und als Wissenschaftler seine Überzeugungen weiterhin vertreten. Nach so einem Vorgang würde jedoch der Umgang des einen oder anderenmit ihm nicht mehr ganz unbefangen sein.

 

Es ist die denkbar schlechteste Zeit für eine solche Diskussion. Die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche und ein Umdenken beim Thema Sexualmoral bestimmten in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen. Auch der Stadtdekan Johannes zu Eltz fordert drastische Reformen. Entfernt sich die römische Kirche mit solchen Entscheidungen von den Menschen?

 

GLASER: Ich fürchte, dass sie das tut. Ich habe den Eindruck, dass mancher in Rom keine exakte Einschätzung über eine Stadtgesellschaft, wie wir sie hier in Frankfurt haben, hat. Es fehlt die nötige Sensibilität im Umgang mit den Menschen. Als Kirche können wir in der Gesellschaft nur unsere Rolle spielen, wenn wir offen über die Dinge diskutieren können. Die Leute respektieren unsere Positionen, aber sie respektieren sie nur solange, wie sie den Eindruck haben: der Gesprächspartner katholische Kirche begegnet uns in Offenheit. Autoritäre Vorgaben braucht kein Mensch, dann werden wir auch nicht mehr gehört. Manchmal habe ich den Eindruck, in Rom ticken die Uhren da noch ein wenig anders.

 

Man hatte ja gehofft, dass mit Papst Franziskus mehr Liberalität in Rom einkehrt. Ist dies ein Rückfall in alte Zeiten?

 

GLASER: Ich habe den Eindruck, dass in Rom verschiedene Kräfte am Werk sind. Und dass es letzten Endes um die Bewertung dieses Pontifikats geht. Mir ist auch der Gedanke gekommen: Schlägt man Wucherpfennig und will man Franziskus treffen? In Rom gibt es Kreise, denen der vom Papst eingeschlagene Weg nicht passt. Ich hoffe, dass er dem nicht nachgibt.

 

Die katholische Stadtkirche gilt ja als  liberal. Hat man deswegen auch immer wieder Probleme mit Rom?

 

GLASER: Ich würde nicht sagen, dass wir liberal sind. Das mag auf einzelne Vertreter zutreffen. Auf den Stadtdekan trifft es ganz bestimmt nicht zu. Johannes zu Eltz ist ein wertkonservativer Mann, der sich aber in Offenheit, den Realitäten in der Gesellschaft stellt. Uns geht es erst einmal um die Fragen, wie können wir die Menschen erreichen, wie können wir mit ihnen ins Gespräch kommen und wie können wir eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen? Die Menschen sollen sich ernst genommen und angenommen fühlen. Das ist unser Ziel. Uns ist es egal, ob man es links, liberal oder konservativ nennt. Die Nähe zu den Menschen ist uns wichtig, die dürfen wir nicht verlieren. Da ist der Umgang mit Gleichgeschlechtlichen ein großes Thema. Der Stadtdekan war, als er nach Frankfurt kam, selbst sehr skeptisch, als er von der schwulen Gemeinde hörte. Nachdem er mit den Mitgliedern in Kontakt kam, mit ihnen gesprochen hatte, hat er seine Position vollkommen verändert.

 

Ein ähnliches Erlebnis schildert ja auch Pater Wucherpfennig.

 

GLASER: Ja, das geht vielen so. Wir waren auch mit dem Bischof in der Gemeinde, der war auch nicht unbeeindruckt. Das sind Personen, die versuchen miteinander in Treue zu leben. Das sind Leute, die ihren katholischen Glauben leben, trotz ihrer schwierigen Lage in unserer Kirche. Sie haben unseren Respekt und unsere Unterstützung verdient.

 

Steht die katholische Kirche in dieser Frage vor einer Zerreißprobe oder gar vor einer Spaltung?

 

GLASER: Es gibt sicher konservative Kreise in unserer Kirche, unter den Laien und den Amtsträgern, die diese ganze Richtung der Offenheit nicht passt. Dass das jetzt eine Spaltung bedeutet, glaube ich nicht. Aber es ist schon eine äußerst konfliktäre Situation.

 

Das Thema Zölibat ist in den vergangenen Wochen gerade im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal diskutiert worden. Ist dieses Eheverbot für Priester noch haltbar?

 

GLASER: Ich kann nicht für alle Pfarrer in Frankfurt sprechen. Aber ein Teil, zu dem auch ich gehöre, stellt das Zölibat in Frage. Wir wollen nicht das Ideal der Ehelosigkeit in der katholischen Kirche angreifen. Aber dass man das Amt an die Ehelosigkeit ohne Ausnahme koppelt, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Es wäre sicherlich verkürzt zusagen, der Missbrauchsskandal liegt am Zölibat, aber einen Zusammenhang gibt es natürlich. Man muss sich breiter aufstellen. Ich halte es für absolut notwendig, dieses männerbündische, das ja letztlich durch das Pflichtzölibat entsteht, aufzubrechen.

 

Frauen als Amtsträger in der katholischen Kirche ist ja ein ähnliches Thema, das immer mal wieder diskutiert und dann wieder als beendet betrachtet wird.

 

GLASER: Auch hier geht es nicht an, dass man Diskussionen verbietet. Diskussionen können nur mit guten Argumenten beendet werden. Die guten Argumente, dass es nicht möglich wäre, Frauen einen Zugang zum Amt zu ermöglichen, sehe ich in dieser Frage bisher nicht. Das Diakonat der Frau ist ein erster Schritt. Man wird diesen Weg stufenweise gehen müssen.

 

Die Anzahl der Kirchenaustritte ist 2017 in Deutschland wieder gestiegen. Fürchten sie wegen dieser Skandale und Diskussionen einen weiteren Anstieg?

 

GLASER: Das fürchten wir. Zumal durch die Missbrauchsstudie deutlich geworden ist, dass als ein Problem in diesem Komplex die unterdrückte Sexualität eine Rolle spielt. Genau deswegen darf man hier nicht neue Tabus setzen, womit man diesen Konflikt ja nicht auflöst, sondern verstärkt.

 

Wie wirken sich diese Diskussionen auf das Leben in den Gemeinden aus? Ist das hier überhaupt ein Thema?

 

GLASER: Das ist ein Thema. Die Erklärung der Frankfurter Stadtpfarrer pro Wucherpfennig, die wir abgegeben haben, wurde natürlich auch von den Gemeindemitgliedern wahrgenommen. Manche haben damit ihre Schwierigkeiten, aber ich habe den Eindruck, den meisten sprechen wir aus der Seele. Wir haben eine Online-Petition erstellt, da haben sich innerhalb von drei Tagen 800  Unterstützer gefunden.

 

Interview und Text: Sören Rabe

für die Frankfurter Neue Presse vom 15.10.2018

(Die Veröffentlichung hier erfolgt mit Genehmigung des Autors.)

 

P.S. Mittlerweile sind es rund 1200 Unterstützer*innen der Petition!

 

Erklärung der Frankfurter Pfarrer

8. Oktober 2018

Da die Fassungslosigkeit nicht sprachlos machen darf, haben die katholischen Frankfurter Pfarrer eine Erklärung zur Causa Wucherpfennig erarbeitet.

Wer die Erklärung der Frankfurter Pfarrer unterstützen möchte, kann dies gerne mit der Petition auf unserer Gemeindehomepage tun: Petition unterschreiben

 

 Erklärung der Pfarrer

der katholischen Pfarreien in Frankfurt

zum Fall Ansgar Wucherpfennig

 

Die Verweigerung des „Nihil obstat“ für die Wiederwahl von P. Ansgar Wucherpfennig zum Rektor der Hochschule St. Georgen durch den Vatikan macht uns fassungslos. Die Maßregelung des unbescholtenen und in Frankfurt sehr geschätzten Wissenschaftlers durch die römischen Behörden wird offenbar mit Aussagen von ihm zum Thema Homosexualität und zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare begründet. Wir halten die Anregungen von P. Wucherpfennig zu diesen Themen für einen wichtigen Diskussionsbeitrag und sind ihm dafür sehr dankbar. Die zutiefst erschreckenden Erkenntnisse der MHG-Studie zum Missbrauch an Minderjährigen in der katholischen Kirche machen deutlich, dass auch der pathologische Umgang der Kirche mit dem Thema (Homo-)Sexualität sexualisierte Gewalt begünstigt. Der Versuch, das offene Gespräch über Sexualfragen innerhalb der Kirche zu unterbinden, ist daher zum gegenwärtigen Zeitpunkt genau das falsche Signal. Der Frankfurter Stadtsynodalrat hat sich dafür ausgesprochen, Rituale für Segensfeiern mit gleichgeschlechtlichen Ehepaaren zu entwickeln. Vielen von uns Pfarrern begegnen in unseren Gemeinden immer wieder Paare, die sich für ihren gemeinsamen Weg den Segen der Kirche wünschen. Wir unterstützen diesen Wunsch mit Nachdruck. Im Vatikan meint man offenbar immer noch, missliebige Positionen aus der Welt schaffen zu können, indem man diejenigen mit Sanktionen belegt, die sie äußern. Dieses Verhalten ist das genaue Gegenteil von dem „offenen Dialog ohne Vorurteile“, den Papst Franziskus sich für die Kirche wünscht. Nur dieser macht uns aber als Kirche in einer offenen Gesellschaft, insbesondere in einer Stadtgesellschaft wie in Frankfurt, gesprächsfähig. Die Zeiten, wo Menschen – auch Amtsträger in der Kirche – sich von römischen Behörden vorschreiben lassen, worüber nachgedacht und diskutiert werden darf, sind Gott sei Dank endgültig vorüber. Als Pfarrer begrüßen und unterstützen wir die Position unseres Bischofs Georg Bätzing, der sich nachdrücklich für die Erneuerung des „Nihil obstat“ für P. Wucherpfennig einsetzt. Wir erklären unsere uneingeschränkte Solidarität mit P. Ansgar Wucherpfennig und erwarten, dass er seine Tätigkeit als Hochschulrektor in St. Georgen bald wieder aufnehmen kann.

 

Anto Batinic, Holger Daniel, Johannes zu Eltz, Rolf Glaser, Hanns-Jörg Meiller,

Joachim Metzner, Uwe Michler (Pfr. em.), Werner Portugall, Werner Otto, Martin Sauer

 

Hier das Interview mit der Frankfurter Neuen Presse vom 14. Oktober 2016, das die Glaubenskongregation als Grund für die Verweigerung des "Nihil obstat" für P. Ansgar Wucherpfennig nennt:

 

http://www.fnp.de/lokales/frankfurt/Prof-Wucherpfennig-was-macht-einen-guten-Jesuiten-aus;art675,2265963

 

Erklärung zum Fall Wucherpfennig.docx
Microsoft Word Dokument 16.4 KB

Sprachcafé: Helfer*innen gesucht

Seit über drei Jahren üben ehrenamtliche Mitglieder unserer Gemeinde mit den Flüchtlingen vom Hotel Anna die deutsche Sprache. Da der Flüchtlingsstrom nicht abreißt und auch das Sprachcafé momentan gut angenommen wird, suchen wir dringend weitere "Trainer*innen" / Anleiter*innen.

 

Bitte melden Sie sich im Pfarrbüro St. Hedwig: Tel. 069 - 39 53 11

oder bei Erich Misterek: Tel. 069 - 39 73 19

 

Das Sprachcafé öffnet seine Türen mittwochs und donnerstags von 17 - 19 Uhr

in der Katholischen Kirche St. Hedwig, Elsterstraße 18, 65933 Frankfurt am Main.

 

Aktuelles:

(auf das Bild klicken)

Homepage der Pfarrgemeinde
Homepage der Pfarrgemeinde

Bericht über die Ausstellung vom

1.-23. September 2018

(bitte auf das Bild klicken)

Vorbereitungen zu den

3. Internationalen Tagen der Begegnung vom 18.-22. September 2019